Da wehen sie, die italienische und die europäische Flagge am Rathaus von Porto Recanati, und darüber leuchtet der blaue Himmel der adriatischen Küste. So soll es doch sein.
Die Fahrt zur Küste aus den sibillinischen Bergen war nicht weit, zuerst fuhr ich auf einer kleinen Landstraße durch Ortschaften, dann nahm ich die Schnellstraße, die ich als staatliche Autobahn bezeichne. Die Strecke zum Meer Richtung Macerata war aber besser als die nach Perugia. Trotzdem fielen mir wieder die Schrauben aus der Schiebetür entgegen, als ich ausstieg. Als ich schon an der Küste war, schickte mich TomTom noch eben für 1,30 Euro auf die Autobahn. Die Anfahrt zum Campingplatz, den ich mir ausgesucht hatte, war so beschrieben. Trotzdem machte ich nach der Abfahrt wieder alles falsch, aber nach einer Ehrenrunde und einer Nachfrage in einer Bar kam ich zum Camping Bellamare.
Man führte mich auf einen Platz. Hier darf man nicht stehen, wie man will, sondern sie lassen einen das Fahrzeug so ausrichten, dass man nicht dem Nachbarn auf den Tisch schaut. Als ich ankam, war es noch relativ voll hier, und da hat man statt einer Aussicht auf das Meer die Camperwand des Nachbarn vor der Nase. Inzwischen ist es aber schon erheblich leerer geworden.
Ich stieg aus und hörte die Wellen rauschen. Von meinem Stellplatz zum Meer ist es nicht weit. Zum Strand kommt man nur mit einem Chip, der dient auch als Chip für die Dusche, die kostet somit 20 Cent. Diese ist jedoch so klein, dass man kaum weiß, wo man seine Sachen lassen soll. Die Toiletten sind zum Großteil türkischer Art. Als ich dann noch zum Strand ging, der mich mit Kieselsteinen und einem kühlen, unangenehmen Wind empfing, wäre ich am liebsten wieder weggefahren. Aber ich war zu faul und entschied mich daher zu bleiben. Dieser Campingplatz war eben ein Schock nach dem genialen Platz in den Bergen.
Am nächsten Morgen versuchte ich, die Vorteile zu finden.
Wenn man an einem Strand mit flachen Kieselsteinen badet, bleibt kein Sand in sämtlichen Falten hängen. Ich badete im Meer und fand, dass es sehr warm war, wärmer als die Luft. Nur liegen kann man nicht lange am Strand, dann friert man und hat das Nordsee-Feeling. Das ist eine neue Erfahrung, jedoch hatten sie es hier heiß genug im Sommer.
Eine von den wenigen Sitztoiletten auf dem Platz war bisher immer frei, wenn ich sie brauchte. Also, was soll es. Zum Zentrum von Porto Recanati sind es ungefähr 5 km am Meer entlang, die man gut mit dem Fahrrad fahren kann. Im Gegensatz zu meinem vorigen Platz im Gebirge kann man hier auch genug einkaufen. Zuerst fiel mir ein neuer Bikini in die Tasche. Meine alten sind ziemlich ausgeleiert. Und außerdem kam ich so mit der Verkäuferin ins Gespräch. Schließlich will ich italienisch üben.
Überhaupt, die Mehrzahl der Urlauber hier sind noch nicht einmal die Niederländer. Ich schätze, sind sind an dritter Stelle nach Deutschen und Italienern. Heute Morgen habe ich mich mit meinem Nachbarn unterhalten, um zu signalisieren, dass man mit mir italienisch sprechen kann. Man muss die Leute eben ansprechen.
Den Platz, einen von zwei empfohlenen, hatte ich gewählt, weil er viel preisgünstiger ist als der daneben, außerdem liegt er besser. Da nimmt man die Nachteile einmal in Kauf. Es gibt hier keine Animation, keine Dauerbeschallung mit doofer Musik bis Mitternacht, und das ist wohl der größte Vorteil. Merkte ich aber erst am nächsten Tag.
Noch ein paar Anmerkungen zum Pössl: Die herausgefallenen Schrauben an der Verkleidung der Schiebetür lassen sich nicht mehr eindrehen. Ich habe die Verkleidung an den betreffenden Stellen mit Textilklebeband befestigt. Außerdem machte mir der Abwassertank Sorgen. Nach der ganzen Woche in den Bergen kam kein einziger Tropfen Wasser heraus. Ich hatte allerdings auch kaum Wasser einlaufen lassen, ein paar Liter vielleicht bei der morgendlichen Katzenwäsche. Erklärbar ist das nur durch Schrägstand, selbst bei den Abwasserauslassgruben. Jetzt stehe ich schon wieder schief, habe das Ablassrohr offen gelassen und eine Schüssel darunter gestellt. Langsam tropfen ein paar Liter heraus. Wenn ich wieder zu Hause bin, muss ich mich darum kümmern, wie man den gesamten Tank einmal leer und durchgespült bekommt. In der Bedienungsanleitung steht, dass bei vollem Abwassertank ein Piepton erklingt, und wenn da irgendwas verstopft sein sollte und das Wasser nicht mehr ablassbar ist, was mache ich dann? Dieser Gedanke ließ mich in der ersten Nacht hier am Meer schlecht schlafen.
Jetzt lasse ich mir aber nicht mehr die letzten Reisetage verderben, weder durch Wassertanks noch durch herausfallende Schrauben. Ich werde gleich im Meer schwimmen, ein wenig die Gegend erkunden und mich dann wieder einer Überraschung hingeben. Die besteht darin, dass ich für heute Abend einen Tisch in einem Restaurant bestellt habe, ein paar Schritte außerhalb des Campingplatzes. Es gab dort keine Speisekarte, sah ein bisschen exklusiv aus, nicht touristisch und doch mit Blick auf das Meer. Mal sehen!
Porto Recanati. Dieser Ort ist schlecht fotografierbar. Es gibt eine sehr lange Einkaufsmeile hinter dem Strand mit allen möglichen Geschäften und Restaurants und Bars. Parallel dazu verläuft eine Strandpromenade. Allerdings halten sich die Buden mit Touristenkitsch in Grenzen. Es ist ruhiger als um Rimini herum.
So sieht der Strand am Campingplatz kurz vor Sonnenuntergang aus. Die Sonne geht hinter dem Land unter, nicht im Meer, denn dann müsste sie im Osten untergehen.
